Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol, Rowohlt Vlg. € 19,95. Die Schriftstellerin Natascha Wodin begibt sich auf eine für sie sehr anstrengende und konsequent ausgeführte Spurensuche nach ihrer ukrainischen Mutter, die seit 1944 als Zwangsarbeiterin in Nazi-Deutschland gelebt hat. (Das Thema Zwangsarbeit in der NS-Zeit wurde bisher wenig erforscht.) Die Autorin lässt den Leser an ihrer spannenden und sehr persönlichen Recherche teilnehmen und präsentiert die Ergebnisse auf außergewöhnlich interessante Art und Weise: als Genre-Mix aus Sachbuch, Biographie, Autobiographie und romanhaftem Erzählen. Die Darstellung der Biographien der sehr zahlreichen Familienmitglieder und Vorfahren der Mutter ist wirklich beeindruckend. Ein Tipp: Ein selbstgeschriebener  Stammbaum hilft, den Überblick zu behalten. Preis der Leipziger Buchmesse 2017!

Lawrence Osborne: Denen man vergibt, Wagenbach Vlg. € 22,-. In Marokko, am Rande der Sahara, wollen zwei superreiche Amerikaner auf ihrem absurd luxuriösen Anwesen ein wildes und dekadentes Party-Wochenende feiern. Auf dem Weg dorthin überfährt ein eingeladenes, zerstrittenes und alkoholiertes britisches Ehepaar einen jungen marokkanischen Fossilienhändler. Dessen sehr arme Familie nötigt den Fahrer, an der Beerdigung in einem abgelegenen Wüstendorf teilzunehmen. Der Autor erforscht auf höchst unterhaltsame Weise und mit beeidruckender Klarsicht die Befindlichkeiten der teilweise sehr klugen, aber doch letztlich orientierungslosen reichen Amerikaner und Europäer auf der Party und kontrastiert diese mit der harten sie umgebenden Natur und den in ihr lebenden und ihr unterworfenen Marokkanern. Ein psychologisches und sprachliches Meisterwerk.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern, Aufbau Vlg. € 22,-. Die junge, aus Baku stammende und in Deutschland lebende Autorin hat einen sehr spannenden und hochinteressanten Roman geschrieben. Am Beispiel der Schauspielerin Amal und des jungen Chirurgen Hammoudi macht sie sehr lebendig für uns nachvollziehbar, wie es jungen Syrern aus durchaus privelgierten Verhältnissen ergehen kann, wenn sie nicht mit dem Terrorregime des Diktators Assad einverstanden sind. Hautnah erleben wir, wie sie sich von ihren Familien lösen und auf die Flucht über's Mittelmeer begeben müssen. Ein wichtiges und trotz allem sehr schönes Buch, das den Horizont weitet und Syrien näher rückt.

 

Annette Mingels: Was alles war, Knaus Vlg. € 19,99. Die junge Meeresbiologin Susa ist bei Adoptiveltern aufgewachsen. Sie heiratet einen Witwer mit zwei kleinen Töchtern, trifft zum ersten Mal ihre leibliche Mutter, erlebt den Tod ihres Adoptivvaters, bringt ein Kind zur Welt, lernt ihre Stiefgeschwister kennen und versucht ihren leiblichen Vater zu finden. Zugleich ist sie beruflich immer stärker eingespannt. Annette Mingels Stil ist angenehm lakonisch und durch die Briefe abwechslungsreich. Der Leser verfolgt die fünf turbulenten Jahre mit Spannung. Die zahlreichen Charaktere sind sehr lebendig dargestellt. Zwischendurch fragt man sich häufig, wie man selbst entscheiden würde.

Doris Knecht: Alles über Beziehungen, Rowohlt Vlg. € 22,95. Wer immer schon das Bedürfnis hatte, alles über Beziehungen zu erfahren, dem sei dringend Doris Knechts jüngstes Buch empfohlen. Dabei handelt es sich nicht etwa um einschlägige Ratgeber-Literatur, sondern um einen mit Leichtigkeit, Kurzweil und Sarkasmus  geschriebenen Roman übers Betrügen und Betrogenwerden. Vielleicht erfährt man nicht wirklich ALLES über Beziehungen, aber doch schon eine ganze Menge, vielleicht sogar über sich selbst.

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen, Aufbau Vlg. € 22,95. Suleika ist eine junge tatarische Bäuerin, die Anfang der 30er Jahre im Zuge der Umsiedlung der Kulaken nach Sibirien durch Stalin einerseits ihre Heimat verliert, andererseits aber der Tyrannei durch ihren Mann und ihrer Schwiegermutter entkommt. Erzählt wird aber auch die Geschichte des Soldaten Ignatow, der als zunächst überzeugter Anhänger der Revolution deren Feinde bekämpfen will, dann aber nach Sibirien abkommandiert wird, um dort eine Siedlung zu gründen. Sehr eindrucksvoll, mit der Wucht eines russischen Klassikers! Vielfach preisgekrönt und in 21 Sprachen übersetzt!

Jetzt als Taschenbuch: Bov Bjerg: Auerhaus, Aufbau Vlg. € 9,99. Mitte der 80er Jahre: Eine Gruppe junger Leute kurz vor dem Abitur mit jede Menge Unsinn im Kopf und in Opposition zur Elterngeneration. Weil einer aus ihrer Mitte suizidgefährdet ist, entsteht eine WG, die schließlich den Namen  'Auerhaus' bekommt. Bov Bjerg erzählt zugleich humorvoll und anrührend von dieser sehr speziellen Phase des Erwachsenwerdens.

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht, Diogenes Vlg. € 20,-. Die 70-jährige Addie möchte nach dem lange zurückliegenden Tod ihres Mannes nicht für immer nachts alleine sein. Sie fragt ihren ihr sympathischen Nachbarn Louis, der auch Witwer ist, ob er sich vorstellen könne, ab und zu bei ihr zu übernachten, z.B. zum Plaudern vor dem Einschlafen. Die schlichte Idee führt erst zu einer Freundschaft, dann zu einer intensiven Beziehung, die durch Addies Sohn in Gefahr gerät.

Maria Duenas: Wenn ich jetzt nicht gehe, Insel Vlg. € 24,-. Mexiko in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Der reiche Silberminenbesitzer, Witwer und Vater zweier fast erwachsener Kinder Mauro Larrea ist von einem auf den anderen Tag ruiniert und muss sein Leben neu in die Hand nehmen. Sein abenteuerlicher Weg führt ihn über Kuba zurück in seine spanische Heimat, wo er Opfer weiterer Intrigen zu werden droht. Mit Soledad Montalvo begegnet er einer sehr starken und undurchsichtigen Frau. Lange bleibt offen, ob wir eine große Tragödie oder eine grandiose Liebesgeschichte erleben?

Arno Frank: So, und jetzt kommst du, Tropen Vlg. € 22,-. Arno Frank erzählt die unglaubliche, aber wahre Geschichte seiner Kindheit in den 80er Jahren. Eines Tages ist der Vater zu Geld gekommen und die Familie reist überstürzt nach Südfrankreich. Dort beginnt ein luxuriöses Leben in einer Nobelvilla, bis schließlich auffliegt, dass der Vater ein Hochstapler und Betrüger ist. Es folgt einen Flucht quer durch Europa...

Sara Pennypacker: Mein Freund Pax, Sauerländer Vlg. € 16,99. Eine berührende und spannende Freundschaftsgeschichte zwischen einem Jungen und seinem Fuchs. Als sie getrennt werden, müssen beide einige Abenteuer überstehen und Hindernisse überwinden, um sich schließlich wiederzusehen. Sehr stimmungsvoll illustriert von Jon Klassen. (ab10 Jahre)

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande, Thienemann Vlg. € 14,99. Ein wundervoller Abenteurroman in der Tradition Mark Twains. Vier Kinder aus ärmlichen Verhältnissen finden im Jahr 1904 in den Sümpfen des Bayou eine Blechdose mit drei Dollars. Irrtümlich gelangt nun eine geheimnisvolle Taschenuhr in ihre Hände, die sie alle reich machen könnte, wenn sie es schaffen, sich durch die ganze USA nach Chicago durchzuschlagen. Sehr spannend! (ab 12 Jahre)